Die Güsse
"Der Mensch soll nicht nur zu seinem
Schöpfer flehen um Gesundheit und langes
Leben, sondern er soll seinen Geist ge-
brauchen, um die Schätze zu finden und
zu heben, welche der allgütige Vater in die
Natur hineingelegt hat, als Heilmittel für
die vielfachen Übel des Lebens."
Sebastian Kneipp
Unter einem Guss im Kneippschen Sinne versteht man eine Anwendung, bei der ein gebündelter, fast druckloser Wasserstrahl an einzelnen Körperteilen oder am ganzen Körper entlanggeführt wird.Zur Durchführung benutzt man einen ca. 2 m langen, flexiblen Schlauch mit einer lichten Weite von 20 mm. Für den Hausgebrauch genügt der Duschschlauch, von dem man den Brausekopf abschraubt und einen ca. 50 cm langen Schlauch, ebenfalls mit einer lichten Weite von 20 mm, aufsteckt. Eine entsprechende Kupplung kann jeder Installateur anfertigen. Wichtig ist beim Gießen, dass das Wasser wie ein Wassermantel am Körper oder an dem begossenen Körperteil herabfließt.
Güsse werden als kalte, warme oder Wechselanwendungen durchgeführt. Die Temperatur ist jeweils dem Patienten anzupassen, bei kalten Güssen verwenden wir das Wasser, wie es aus der Wasserleitung kommt, bei warmen Güssen sollte die Temperatur zwischen 37 und 40 Grad liegen, je nach Verträglichkeit. Die Wechselgüsse werden in der Regel wie folgt durchgeführt: Man beginnt mit warm, bis eine gute Rötung der Haut festzustellen ist, anschließend wird kurz kalt gegossen (Reaktion wie bei allen kalten
Anwendungen beachten), danach wiederum warm, und den Abschluß bildet der kurze kalte Wasserreiz.
Bei kalten Güssen sind die allgemeinen Richtlinien für kalte Anwendungen einzuhalten, also warmer Körper oder Körperteil, nicht abtrocknen, für Wiedererwärmung sorgen. Bei Teilgüssen den Körpernur so weit entkleiden, wie eben notwendig.
Um den richtigen Wasserdruck zu erreichen, hält man den Schlauch steil nach oben und dreht den Wasserhahn so weit auf, bis das Wasser etwa eine Handbreit über die Schlauchmündung aufsteigt.
Auf die Raumtemperatur, etwaige Zugluft, offene Fenster usw. ist ebenfalls zu achten. Auch für die Güsse gilt, daß sie nicht unmittelbar nach den Mahlzeiten verabreicht werden und daß zwei Anwendungen nicht direkt aufeinanderfolgen sollen. Eine entsprechende Pause ist auch hier einzuhalten. Die Güsse sind Kneipps ureigenste Erfindung, sie sind heute innerhalb der Kneipp-Kur die gebräuchlichsten Anwendungen.
Der Knieguss (Kn)
Der Guss beginnt an der Außenseite des rechten Fußrückens, der Patient steht also mit dem Rücken zum Bademeister oder dem Gießenden, an der Außenseite der Wade hoch bis etwas über die Kniekehle. Dort kurz verweilen und Reaktion beachten, den Schlauch dabei leicht hin und her bewegen, damit der Wasserstrahl nicht auf einem Punkt ruht. Dann geht man an der Innenseite des Beines zurück zum Fuß. Anschließend wird in gleicher Weise das linke Bein begossen. Der Guß wird jedoch, nachdem man die Kniekehle erreicht hat, insofern unterbrochen, als man nun nicht gleich am linken Bein wieder abwärtsgeht, sondern zuerst zum rechten Bein überwechselt, dieses einige Sekunden gießt, wieder zum linken Knie zurückwechselt, dort wiederum einige Sekunden verweilt und erst dann abwärts zum Fuß geht. Der Patient dreht sich um, und nun wird die Vorderseite des rechten Beines und anschließend die des linken Beines begossen, wobei wie an der Rückseite verfahren wird. Zum Schluss werden beide
Fußsohlen abgegossen.
Der Arzt rät: Der Knieguß wird, wenn er kalt durchgeführt wird, bei Fußbeschwerden empfohlen, also beim Senk-, Platt- und Spreizfuß, vor allem aber beim sog. varikösen Symptomenkomplex, also bei Krampfadern und deren Komplikationen. Der warme Guß findet bei Durchblutungsstörungen Anwendung, also beim chronisch kalten Fuß, ferner bei Kniegelenkarthrosen. Die Wechselgüsse wirken günstig auf Herz- und Kreislauf ein, auch bei Bluthochdruck. Wechselanwendungen werden durch ein "W" für Wechsel gekennzeichnet, z. B. Wkn für Wechselknieguß. Bei heißen Anwendungen wird »heiß" hinter die Bezeichnung geschrieben, z. B. S-heiß für Schenkelguß heiß, eventuell mit Temperaturangabe.
Der Schenkelguss (S)
Dieser Guß ist als mittelstarke Anwendung anzusehen. Man beginnt wie beim Knieguß, nur wird der Wasserstrahl bis hinauf zum Bekkenkamm geführt. Beim kalten Guß ist darauf zu achten, daß beim Hin- und Herwechseln der Wasserstrahl nicht über die Blasen-Unterleibsgegend geführt wird. Die Fußsohlen nicht vergessen.
Der Arzt rät: Es gelten die gleichen Indikationen wie beim Knieguß. Der warme Guß ist bei der Hüftgelenksarthrose zu empfehlen, ebenso auch bei der Ischialgie. Kalte Güsse an den Beinen dürfen nicht durchgeführt werden bei Blasen-, Nieren- und Unterleibserkrankungen, auch nicht beim Kreuzschmerz, der Ischialgie und dem Hexenschuß.
Der Gesichtsguss (Gg)
Der Patient beugt sich über die Badewanne. Der Guss beginnt unterhalb der rechten Schläfe, umkreist das Gesicht, führt den Wasserstrahl mit einigen Längsstrichen rechts, dann links der Nase abwärts zum Kinn. Nachdem zwischenzeitlich tief eingeatmet wird, umkreist man nochmals das Gesicht. Die Dauer des Gusses ist wiederum von der Reaktion abhängig. Die Augen können, falls dies vertragen wird, geöffnet bleiben.
Der Arzt rät: Der Gesichtsguss wirkt sehr erfrischend und führt zu einer guten Durchblutung der Gesichtshaut (Schönheitsguss), wirkt abhärtend und vermindert die Katarrh-Anfälligkeit. Bei Augenkrankheiten darf der Gesichtsguß nur nach ärztlicher Verordnung
durchgeführt werden. Bei Gesichtsneuralgien kann der Guss auch warm durchgeführt werden. Ausnahmsweise wird beim Gesichtsguss abgetrocknet.
Der Armguss (Ag)
Der Patient beugt sich über die Badewanne. Zur Abstützung stellt man z. B. einen Fußschemel in die Wanne. Man beginnt am rechten Arm, und zwar an der Außenseite des Handrückens, geht an der Außenseite des Armes hoch bis zur Schulter - beim verlängerten Armguss bis zum Schulterblatt verweilt dort einige Sekunden (Reaktion beachten) und geht an der Innenseite des gleichen Armes abwärts bis zur Hand (Daumen). Der linke Arm wird in gleicher Weise begossen. Alternativ kann dieser Guss
auch unter dem laufenden Wasserhahn durchgeführt werden. Handflächen als Abschluss abgießen.
Der Arzt rät: Der kalte Armguss wirkt beruhigend auf das Herz. Er ist angezeigt bei Sehnenscheidenentzündungen. Bei Durchblutungsstörungen wird vornehmlich der Wechselguss oder der warme Guss empfohlen. Bei rheumatischen Beschwerden, besonders auch im
Schulterbereich und bei neuralgischen Schmerzen, kommt der heiße Guss in Frage, wie auch bei Durchblutungsstörungen der Herzkranzgefäße, wozu unbedingt der ärztliche Rat eingeholt werden muss.
Der Brustguss (Bg)
Ausführung zunächst wie beim Armguss. Nachdem man beide Arme begossen hat, geht man an der Innenseite des rechten Armes hoch und wechselt hinüber zur Brust, die man kreis- oder achterförmig begießt, und am linken Arm - Innenseite - abwärts zur Hand.
Der Arzt rät: Der kalte Guss wirkt beruhigend auf das Herz und führt zu einer tiefen, ruhigen Atmung. Er wirkt vorbeugend bei immer wiederkehrenden Bronchitiden. Als warmer Guss hat er sich bei chronischer Bronchitis (Raucherhusten) bewährt, auch beim Asthma, aber nicht im Anfall.
Der Rückenguss ®
Eine schon starke Anwendung, die durch einen Helfer ausgeführt werden sollte. Der Rückenguss wird wie der Schenkelguss begonnen.Hat man das linke Bein begossen, so geht man nur abwärts bis Mitte linker Oberschenkel. Von dort wechselt man nun über den rechtenOberschenkel zur rechten' Hand, geht am Arm aufwärts bis zur Schulter und begießt fächerartig die rechte Rückenhälfte. Bevor man am rechten Arm hochgeht~ sollte sich der Patient die Brust benetzen (beim kalten Guss und beim kalten Anteil des Wechselgusses).Am Schulterblatt wird meist etwas verweilt, es darf jedoch kein Wasser nach vorne laufen. Man geht dann mit dem Strahl rechts der Wirbelsäule abwärts bis Mitte Oberschenkel, wechselt von hier über den linken Oberschenkel zur linken Hand, über den Arm aufwärts zur linken Seite des Rückens, die man wieder fächerartig begießt. Zur Verstärkung wechselt man oben am Rücken nach rechts, verweilt einige Sekunden, wechselt, wieder zurück nach links, dort wieder kurz verweilen und abwärts über das Gesäß, die Hinterseite des Beines zum Fuß. Zum Schluss die Fußsohlen abgießen.
Der Arzt rät: Dieser Guss wird meist als Wechselguss, mehr noch als warmer bis heißer Guss ausgeführt. Er ist angezeigt vor allem bei verspannter Rückenmuskulatur, bei allen degenerativen Veränderungen der Wirbelsäule einschließlich der Bandscheibe, Hexenschuss.
Sebastian Kneipp:
"Recht gießen ist eine Kunst, und vielleicht kommt es noch so, dass die Wassergießer Künstler werden."