Im Fokus der Klassischen Naturheilkunde steht die ganzheitliche Betrachtung von Gesundheit und Krankheit und die Unterstützung der Selbstheilungskräfte des Organismus.
Dabei werden die Verfahren selten isoliert eingesetzt, sondern erzeugen oft erst in der Kombination positive synergetische Effekte. Die Bandbreite der Wirkung der Klassischen Naturheilverfahren lässt sich gut am Prinzip des heilsamen Reizes erklären. Demnach verfügt der Körper über selbstregulierende Fähigkeiten,
seine Funktionen aufrecht zu erhalten bzw. zu regenerieren. Diese Selbstheilungskräfte werden durch sinnvoll dosierte Reize, beispielsweise Wärme oder Kälte, entweder exakt an der Stelle aktiviert, an der die Beschwerden auftreten oder zur allgemeinen Stärkung des Organismus verwendet.
Das Prinzip der Selbstheilungskräfte unterscheidet sich von der schulmedizinischen Behandlung in mehreren Punkten:
• Die Reizbehandlung muss zum einen die individuelle Konstitution berücksichtigen, also etwa die Kälteempfindlichkeit oder die körperliche Leistungsfähigkeit. Sie muss zum anderen den Besonderheiten der jeweiligen Erkrankung sorgfältig angepasst werden.
• Die Reiz- und Reaktionstherapie ist verhältnismäßig unspezifisch. Das heißt, dass je nach Erkrankung und individueller Ausgangslage die gleiche Therapie zu unterschiedlichen Ergebnissen führt. Eine
Bewegungstherapie kann zum Beispiel asthmatische Anfälle vermeiden, den Insulin- und Zuckerstoffwechsel verbessern, bei mäßig hohem Blutdruck blutdrucksenkend wirken oder bei zu niedriegem Blutdruck zur Blutdrucknormalisierung beitragen.
• In der Regel führen therapeutische Reize nicht zu einer unmittelbaren schnellen Genesung. Die Behandlung muss deshalb regelmäßig und längerfristig erfolgen, meist über mehrere Wochen hinweg.
Unter Umständen kann sogar eine kurzfristige ‘Erstverschlechterung’ auftreten.
• Oft stimmt die Erstreaktion, der Akuteffekt, nicht mit dem endgültigen Ergebnis der Behandlung, dem Langzeiteffekt, überein. So erhöhen beispielsweise körperliches Training oder Kaltreize der Hydrotherapie in der Regel unmittelbar den Blutdruck. Die gewollte Blutdrucksenkung stellt sich dann häufig erst nach einer mehrwöchigen Anwendung ein.
Gesund durch Wasser
Die naturheilkundliche Behandlung mit warmen und kalten Wasseranwendungen wird in der Fachsprache Hydrotherapie genannt. Sie dient nicht nur dazu, Krankheiten zu heilen, sondern bietet auch vielfältige Möglichkeiten, Krankheiten vorzubeugen und das allgemeine Wohlbefinden zu stärken.
Im Gegensatz zur im nächsten Kapitel erläuterten Balneotherapie stehen bei der Hydrotherapie durch Anwendungen hervorgerufene Wärme- und Kältereize im Vordergrund, die sich zur Selbstbehandlung eignen.
Diese mit ganz normalem Quell- oder Leitungswasser durchgeführten Wasseranwendungen hatten ihre erste Blütezeit im antiken Rom und gehören damit zu den ältesten Behandlungsformen der Medizin. `Sanus per aquam’ - gesund durch Wasser - heißt das alte Prinzip.
Die heutige hydrotherapeutische Behandlung basiert im Wesentlichen auf der naturheilkundlichen
Bewegung im mitteleuropäischen Raum, die ab etwa 1850 entstand. Ihre wichtigsten Vertreter waren der schlesische Bauer Vinzenz Prießnitz (1799 -1851) und der schwäbische Pfarrer Sebastian Kneipp (1821-1897). Die Prießnitzschen Wickel und Kneippschen Güsse und Bäder sowie das von Kneipp entwickelte Wassertreten werden noch heute in vielen Teilen der Welt verwandt.
Die Hydrotherapie ist eine der ältesten Behandlungsformen der Medizin. Ihre Anwendbarkeit und nachgewiesene Wirksamkeit macht sie zu einer bevorzugten Form der aktiven Gesundheitsvorsorge und der Eigenbehandlung zu Hause.
Bereits nach einmaliger Anwendung reagiert der Körper in der Regel mit so genannten Akuteffekten.
Kurzfristige (Akuteffekte) und langfristige Wirkungen der Hydrotherapie
Akuteffekte der Kalt- und Warmreize
kalt: Auskühlung im Behandlungsbereich; Fiebersenkung; antientzündliche Wirkungen; Aktivierung immunologischer Reaktionen in der Haut; Schmerzlinderung; lokale und reflektorische Gefäßverengung mit anschließender Mehrdurchblutung. Aktivierung verschiedener Drüsensysteme (z. B. Ausschüttung von Adrenalin und Cortisol); Blutdruckanstieg und Abnahme der Pulsfrequenz; Stimulation der Atmung; Anstieg der Muskelspannung - später Muskelentspannung; allgemeine Erfrischung - später wohlige Entspannung; Wärmegefühl; Schlafförderung
warm: Durchblutungsförderung; reflektorische Muskelentspannung; zahlreiche Möglichkeiten der Schmerztherapie; Blutdrucksenkung; Stoffwechselaktivierung verbessert Schleimhautdurchblutung
Langzeiteffekte der Kalt- und Warmreize nach regelmäßiger Behandlung über einen längeren Zeitraum
Bei regelmäßiger Anwendung über Wochen oder Monate hinweg zeigen sich dann langfristige
Effekte auf die vegetative Regulation des Organismus insbesondere des Kreislaufs, des Stoffwechsels und des Immunsystems, die auch als ‘Umstimmungen’ bezeichnet werden. Die beste Wirksamkeit wird in Verbindung mit regelmäßiger Bewegung, gesunder Ernährung, einer ausgeglichenen Lebensweise und mit Hilfe von Heilpflanzen erreicht.
Bei Waschungen und Güssen nach Kneipp müssen folgende Regeln beachtet werden:
- Der Kaltreiz wird zuerst an der Körperperipherie gesetzt, also an den Händen oder Füßen. Dabei beginnt man an Armen und Beinen auf der Streckseite, die weniger kälteempfindlich ist als die Beugeseite. Danach soll der Reiz in Richtung Rumpf wandern.
- Eine Behandlung beginnt immer auf der rechten Körperseite.
- Ein Oberguss des Rumpfes behandelt zunächst die Brust, weil sie weniger kälteempfindlich ist als der Rücken.
- Bei Güssen muss man darauf achten, dass das herabströmende Wasser einen so genannten ‘Kneippschen Mantel’ bildet. Am besten verwendet man einen Schlauch mit einem großen Querschnitt und hält ihn so an den Körper, dass das Wasser möglichst drucklos über die Körperoberfläche abfließt und dabei einen nicht abreißenden Film erzeugt. Im Gegensatz zur auf die Haut prasselnden Dusche soll das Wasser beim Guss nur über den Temperaturreiz, nicht aber mechanisch wirken.
Das Wirkprinzip von Wasseranwendungen ist der sinnvoll dosierte und richtig platzierte Temperaturreiz, wobei kalte Reize immer stärker wirken, als warme. Man beginnt daher bei Ungeübten in der Regel mit einem Warmreiz, worauf stets ein zunächst milder, später immer stärkerer Kaltreiz folgt.
Bei der Wahl der Anwendung und der Reizstärke müssen das Ziel der Behandlung, die individuelle Empfindlichkeit gegenüber Kälte sowie das momentane
Wärmeempfinden berücksichtigt werden.
Das erste Ziel jeder Einzelbehandlung ist die so genannte Reaktion: Nach einem kurzen Kaltreiz entsteht in der Regel innerhalb von ein bis drei Minuten ein angenehmes Gefühl der Wärme, Belebung und etwas später der Entspannung.
Die wichtigsten Formen der Wasseranwendungen sind Waschungen, Bäder, Güsse und das Anlegen von Wickeln.
Die folgende Tabelle zeigt einige dieser Anwendungen und ordnet sie anhand ihrer jeweiligen Reizstärke ein. Ein Blick auf die Übersicht zeigt: Man behandelt entweder nur bestimmte Körperregionen, zum Beispiel beim Knie oder Armguss, oder den gesamten Körper, zum Beispiel beim Vollguss, bei dem die gesamte Körperoberfläche kalt übergossen wird. Im Verlauf der Anwendung lässt sich die Reizstärke gegebenenfalls erhöhen.
Verschiedene Stufen und Möglichkeiten der Hydrotherapie
Reizstärke 1 (schwache Reize)
• Teilwaschungen (Oberkörper, Unterkörper)
• Teilbäder (Arm, Fuß, Sitzbad), 5 - 10 Minuten bei 37°C
• Wechselteilbäder (Arm, Fuß), 5 Minuten bei 36°C /5 - 6 Sekunden bei 10°C
• Kleine Güsse (Knie, Arm), temperiert bei 18 - 22°C
Reizstärke 2 (mittlere Reize)
• Ganzkörperwaschung
• Wassertreten
• Halbbad kalt, 12 - 18°C
• Halbbad, 10 - 15 Minuten bei 37°C mit kaltem Abgießen bei 12°C
• Wechselgüsse (Knie, Schenkel, Arm, verlängerter Arm, Brust, Ober- und Rückenguss) bei 36 - 38°C / 12 - 14°C
• Waden- und Armwickel
Reizstärke 3 (starke Reize)
• Kalte Güsse (Unter-, Rücken-, Ober- und Vollguss) bei 12 - 14°C
• Lumbalguss (Lendenwirbelsäule), heiß
• heiße Blitzgüsse bei 40 - 43°C
• Dreiviertel- und Vollbäder, 10 - 15 Minuten bei 37°C mit kaltem Abgießen bei 12°C
• temperaturansteigende Teilbäder (Arm, Fuß, Sitzbad), für 10 - 15 Minuten bei 33 - 39°C
• Wechselsitzbad für 10 Minuten bei 37°C, anschließend für 5 - 6 Sekunden bei 12°C
• größere Wickel (Lenden-, Kurz-, Brust- und Ganzkörperwickel)
Wichtiger Hinweis:
Kalte Wasseranwendungen sollten nicht durchgeführt werden:
• wenn Sie akute Herz-Kreislaufprobleme haben. Fragen Sie bitte unbedingt Ihren Arzt!
• wenn Ihnen kalt ist;
• wenn Sie kalte Hände oder Füße haben;
• wenn Sie eine sehr empfindliche Blase haben.
Grundsätzlich sollten nur ausreichend durchblutete und warme Körperregionen mit kaltem Wasser behandelt werden. Wärmen Sie sich daher bitte vor den Wasseranwendungen durch Gymnastik,
leichte körperliche Arbeit oder einfach durch einen Spaziergang auf. Nach jeder Anwendung sollten Sie eine halbe Stunde ruhen. Mehr als 2 - 3 Anwendungen pro Tag sind nicht sinnvoll.
Ein weiteres wichtiges Mittel der Hydrotherapie ist der Wickel, der anhaltend beruhigend und entspannend auf den gesamten Organismus wirkt. Es gibt aber auch ganz gezielt wirkende Wickel:
• Kalter Halswickel bei Mandelentzündungen,
• Kalter Wadenwickel bei Fieber,
• Kalter Oberkörperwickel oder feuchte Socken bei Schlafstörungen,
• Warmer Brustwickel bei Bronchitis,
• Warmer Leibwickel bei Verdauungsstörungen
oder verschiedenen schmerzhaften Bauchbeschwerden. Das früher sehr beliebte Wassertreten
nach Sebastian Kneipp scheint heute etwas aus der Mode zu kommen. Zu Unrecht: Denn auch wenn der ‘Storchengang’ im Wasserbecken etwas eigenartig aussieht, handelt es sich um eine der einfachsten und wirksamsten Anwendungen der Hydrotherapie. Man watet in knietiefem kalten Wasser so, dass sich der Fuß bei jedem Schritt kurz über der Wasseroberfläche befindet, damit es bei jedem Eintauchen zu einem erneuten Kaltreiz kommt. Für Anwendungen zu Hause in der Badewanne wird kaltes Wasser verwendet, so wie es aus der Leitung kommt. Beenden sollte man das Wassertreten, wenn sich nach einer halben bis zwei Minuten ein unangenehmes Kribbeln oder der Beginn eines Schmerzes einstellt.
Ähnliche Formen sind das morgendliche Tau- oder Schneetreten, wobei auch hier wie bei allen Anwendungen wichtig ist, nur gut durchwärmt und für jeweils kurze Zeit mit der Kälte in Kontakt zu treten. Grundsätzlich ist es wichtig, sich langsam an die Hydrotherapie zu gewöhnen und
die individuelle Empfindlichkeit zu berücksichtigen. Am besten beginnt man mit milden, reizschwachen Anwendungen wie Arm- und Fußbädern beziehungsweise -güssen, kurzem Wassertreten oder nicht sehr kalten Brustwickeln. Im weiteren Verlauf steigert man die Intensität
und geht zu Schenkel- und Untergüssen, eventuell sogar zu einem kalten Sitzbad, Brustgüssen und Leibwickeln, über.
*Besonders starke Kaltreize wie kalte Vollgüsse oder -bäder sollten erst nach ausreichender
Erfahrung mit der Hydrotherapie durchgeführt werden. Wesentliches Ziel aller Anwendungen
ist immer, die charakteristische Reaktion zu erreichen. Bleibt sie aus, war entweder der Temperaturreiz zu schwach oder der Körper nicht genügend erwärmt.*
Um ein individuell abgestimmtes Behandlungsprogramm oder einen Kurplan zusammenzustellen, sollte man sich von einem erfahrenen Kneipp-Arzt beraten
lassen.
In der Hydrotherapie kommen auch Anwendungen mit warmem Wasser zum Einsatz:
• Wärme ermöglicht den nachfolgenden Kaltreiz und verstärkt seine Wirkung.
• Warme und heiße Anwendungen lösen auch ohne Kaltreiz überwiegend reflektorisch vermittelte Reaktionen im Organismus aus. Sie wirken entspannend auf die Muskulatur und fördern die lokale Durchblutung.
Bei vielen Schmerzzuständen des Bewegungsapparates und der inneren Organsysteme wird ein Wärmebad empfohlen. Eine andere bewährte Form der Wärmebehandlung sind heiße Auflagen, wie zum Beispiel mit dem von Kneipp empfohlenen erwärmten „Heusack“. Bei Überwärmungsbädern wird die Temperatur des Badewassers im Laufe von etwa zehn Minuten von 35° C auf 41° C erhöht. Dabei steigt die Körpertemperatur um 1° C bis 2° C. Überwärmungsbäder werden bei nicht entzündlichen Erkrankungen des Bewegungsapparates und bei chronischen Infekterkrankungen erfolgreich eingesetzt.
Ein unschätzbarer Vorteil der Hydrotherapie ist die Einfachheit ihrer Anwendung. Hat man sich erst einmal gut informiert, kann sie jederzeit an fast jedem Ort durchgeführt werden. So benötigen Waschungen keinerlei Hilfsmittel, für ein Teilbad bedarf es lediglich eines Waschbeckens oder eines leicht erhältlichen Gefäßes für Arm- oder Fußbäder. Sitzbäder sind in der Badewanne möglich. Für einen Guss muss man in der Dusche oder Badewanne nur einen Schlauch mit großem Querschnitt installieren. Die Utensilien für einen Wickel sind in fast jedem Haushalt vorhanden.
Den Einstieg in die Hydrotherapie findet man am einfachsten unter fachkundiger Anleitung während einer Kur.
*Wer den wohltuenden Nutzen der Hydrotherapie Behandlung einmal verspürt hat, wird sie
gern auch zu Hause weiter aktiv fortführen.*
Darüber hinaus bieten die Kurorte in Deutschland vielfältige hydrotherapeutische Anwendungen an. In 63 registrierten Kneipp-Kurorten arbeiten ausgebildete Kneipp-Ärzte und speziell geschulte Mitarbeiter wie z.B. Kneipp-Bademeister. Aber auch viele andere Kurorte bieten hydrotherapeutische Anwendungen nach Kneipp an und haben öffentliche Einrichtungen zum Beispiel für das Wassertreten geschaffen.
Nebenwirkungen
Entgegen verbreiteter Vorurteile ist die Hydrotherapie bei richtiger Anwendung nicht belastend, sondern mild anregend und hat sich daher gerade auch bei Kranken bewährt. In der Regel verursacht die Hydrotherapie keinerlei Nebenwirkungen. Ausnahmen:
- Bei bestimmten Hauterkrankungen können auf Grund von gesteigerter Kälteempfindlichkeit schmerzhafte Durchblutungsstörungen auftreten;
- bei Menschen mit Herzrhythmusstörungen und mit Angina pectoris können Kaltreize die Beschwerden möglicherweise verstärken;
- bei fortgeschrittenen Durchblutungsstörungen der Beine sollten Kaltanwendungen vermieden werden;
- bei Platzangstsymptomen sollte auf beengende Wickel verzichtet werden.
Quelle:
Kurverwaltung Bad Wörishofen





